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15.11.2018

„Es war für uns wie ein Sechser im Lotto“

Der Sohn von Silke Bauerfeind besucht die „Muschelkinder“, eine Schule für Kinder mit Autismus-Spektrum-Störung. Die Familie feierte, als sie einen der wenigen Schulplätze erhielt. Nur alle drei Jahre werden sieben Erstklässler aufgenommen

Schwabach – Die Schule der Muschelkinder in Schwabach-Penzendorf ist eine ganz besondere Schule, eine Schule für Kinder mit Autismus-Spektrum-Störung. Trägerin ist die Rummelsberger Diakonie. Nur alle drei Jahre wird eine 1. Klasse gebildet und es werden neue Schülerinnen und Schüler aufgenommen. Im September 2019 ist es wieder soweit. Anmeldungen werden bereits entgegengenommen. Wir sprachen mit der Autorin und Bloggerin Silke Bauerfeind über die Schule. Ihr Sohn besucht die 12. Klasse der Muschelkinder.

Frau Bauerfeind, Ihr Sohn Jannik ist nun seit mehr als elf Jahren bei den Muschelkindern. Wie erging es ihm, aber auch Ihnen, in dieser Zeit?

Wir haben ein großes Vertrauen in die Mitarbeiter der Schule. Sie waren immer zuverlässig. Die Stabilität tut Jannik gut und er weiß, dass er willkommen ist und wertgeschätzt wird. Auch für uns als Eltern ist das viel wert. Die Kontinuität, Sicherheit und das Vertrauen ziehen sich durch die ganze Schulzeit.

Eine Klasse besuchen in der Regel sieben Kinder, die alle unterschiedliche Bedürfnisse haben. Schaffen es die Lehrer und Fachkräfte da, auf jedes Kind individuell einzugehen?

Die Mitarbeiter schauen immer, dass sie allen Bedürfnissen gerecht werden. Wie sie das machen, habe ich mich auch oft gefragt (lacht). Jannik ist zum Beispiel sehr geräuschempfindlich. Nicht unbedingt von der Lautstärke her, sondern von der Art oder der Frequenz des Geräusches. Kirchenglocken oder elektrische Geräte bringen ihn zum Beispiel aus dem Konzept. Er rennt dann davon und schlägt Türen. Ich hatte immer das Gefühl, dass auf ihn eingegangen wird. Es gibt Rückzugsbereiche wie einen Ruheraum. Das trägt dazu bei, dass es nicht zu schlimmen Situationen kommt.

Wie sieht der Unterricht bei den Muschelkindern aus?

Die Unterrichtsinhalte sind anspruchsvoll. Die Kinder werden kognitiv gefordert und gefördert. Denn wenn sie unterfordert wären, kämen Frust und Langeweile auf, was sich dann in problematischem Verhalten äußern würde. Die Mitarbeiter gehen aber auch auf fehlende Alltagskompetenzen ein und helfen beim Essen oder Anziehen. Die Schüler bekommen Unterstützung, wo sie es brauchen, werden aber auch zur Selbstständigkeit angeleitet.

Was ist für Sie das Besondere an der Muschelkinder-Schule?

Das Allerwichtigste für uns ist, dass wir in Krisen nicht alleine gelassen werden. Mein Sohn kann sehr herausfordernd sein. Es gibt Schulen, die nehmen Kinder nicht auf, wenn sie zu betreuungsintensiv sind. Das ist bei den Muschelkindern anders. Jannik hatte Phasen, die sehr schwierig waren. Wir hatten dann viele Gespräche mit den Mitarbeitern der Schule und haben uns gemeinsam überlegt, was wir tun können. Es gab nie Schuldzuweisungen, sondern es war immer ein Miteinander.

Eine andere Besonderheit ist, dass bei den Muschelkindern Schule und Tagesstätte eng zusammengehören. Wie erleben Sie die Zusammenarbeit?

Die Mitarbeiter der Tagesstätte sind schon am Vormittag im Unterricht dabei. Es ist ein Team. Für Außenstehende ist es nicht zu erkennen, wer zur Schule gehört und wer zur Tagesstätte. Für Autisten ist es ein Vorteil, da sie eine Vertrauensbasis und Kontinuität brauchen. Außerdem ist dadurch der Betreuungsschlüssel sehr hoch.

Wie sind Sie auf die Muschelkinder aufmerksam geworden?

Ein Kinderpsychiater hat die Diagnose „Frühkindlicher Autismus“ gestellt, als Jannik sechs Jahre alt war. Er gab uns zwei Adressen – vom Verein „autismus Mittelfranken e.V.“ und von den Muschelkindern. Ich habe zuerst beim Verein angerufen und mich dort das erste Mal richtig verstanden gefühlt. Der zweite Anruf war dann bei den Muschelkindern. Es war für uns wie ein Sechser im Lotto, als wir nach einigen Monaten erfahren haben, dass wir einen Platz bekommen. Wir haben eine richtige Party veranstaltet. Damals gab es nicht viele Schulen mit Autismus-Kompetenz.

Veränderungen können für Menschen mit Autismus schwierig sein. Ihr Sohn wird in einem Jahr die Schule abschließen. Wie geht es ihm damit?

Mein Sohn fühlt sich sehr wohl bei den Muschelkindern. Er ist gerne dort, seine Freunde sind dort und er wird verstanden. Er freut sich jetzt aber auf das, was kommt. Wenn alle Anträge genehmigt werden, wird er nach der Schule eine Förderstätte für Autisten in Gremsdorf besuchen. Er hat dort schon ein Praktikum gemacht. Er freut sich darauf, unter anderen Erwachsenen zu sein und auf die Arbeit und dass er dann etwas macht und herstellt, das vielleicht sogar verkauft wird. Den Muschelkindern sind wir für die Stabilität in Janniks Schulzeit sehr dankbar. Ohne diese wäre das Ehrenamt meines Mannes und mir und die Arbeit an „Ellas Blog“ niemals möglich gewesen. Und nicht zuletzt sprechen Janniks Entwicklung und sein Humor für eine gelungene Schulzeit bei den Muschelkindern.

Silke Bauerfeind

Silke Bauerfeind arbeitet als Autorin und Bloggerin. Auf ellasblog.de schreibt sie unter anderem über ihre Erfahrungen als Mutter eines nichtsprechenden Autisten mit hohem Unterstützungsbedarf in allen Lebensbereichen. Im August 2018 ist ihr zweites Buch „Autistische Kinder brauchen aufgeklärte Eltern“ erschienen. Zudem ist Silke Bauerfeind Vorstandsmitglied im Verein „autismus Mittelfranken e.V.“. Der Verein berät und unterstützt betroffene Familien, vernetzt sich mit Autisten und anderen Akteuren aus dem Fachgebiet Autismus und trägt seine Anliegen an Politiker heran.

Die Muschelkinder

Die Muschelkinder-Schule ist eine Schule für Kinder mit Autismus-Spektrum-Störung in Schwabach-Penzendorf. Sie gehört zur Comenius-Schule in Hilpoltstein der Rummelsberger Diakonie. Ein neues Schulhaus für die Muschelkinder wird derzeit im Süden von Nürnberg geplant. Aktuell besuchen 28 Kinder die Schule. Die meisten von ihnen können sich verbal nicht äußern. Sie kommunizieren durch „Unterstützte Kommunikation“, zum Beispiel Gebärden, Schreibtafeln oder Bildkarten. Die Mitarbeitenden der Schule und Tagesstätte arbeiten eng zusammen. Dadurch ergibt sich ein hoher Betreuungsschlüssel. In einer Klasse mit sieben Kindern sind in der Regel fünf Mitarbeitende beschäftigt, abhängig von den Bedürfnissen der Schüler.

Im September 2019 wird wieder eine 1. Klasse gebildet und neue Schülerinnen und Schüler aufgenommen. Interessierte können sich an Catja Primke wenden unter Telefon 09122 71 835 oder per E-Mail primke.catja@rummelsberger.net.


Von: Claudia Kestler

Silke Bauerfeind arbeitet als Bloggerin und Autorin. Ihr Sohn besucht die „Muschelkinder“, eine Schule für Kinder mit Autismus-Spektrum-Störung. Foto: privat